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Kleine wespen und herbstlaub zum schutz der rosskastanien

pressemitteilung vom 16. November 2004

Forscher des Nationalen Forschungsschwerpunkts (NFS) Plant Survival, ein von der Universität Neuenburg koordiniertes wissenschaftliches Netzwerk, kämpfen gegen die Kastanienminiermotte. Dieser Schädling setzt den Rosskastanienbäumen zu. Die 100 Prozent ökologische Methode, die von Forschern an der Universität Bern entwickelt wird, könnte sogar zum Schutz von Getreidevorräten eingesetzt werden.

Herbstzeit ist Kastanienzeit. Doch seit einigen Jahren ist in den europäischen Städten ein Verkümmern der Rosskastanienbäume zu beobachten. Es zeigt sich besonders daran, dass die Bäume ihre Blätter vorzeitig bereits im Sommer verlieren. Das Übel rührt von der Kastanienminiermotte Cameraria ohridella, einem schädlichen Insekt, das sich in weniger als zwei Jahrzehnten über ganz Europa verbreitet hat. Doch Forschungsergebnisse der Universität Bern zeigen, dass es natürliche Mittel zur Bekämpfung dieser Plage gibt. Entsprechende Möglichkeiten haben Privatdozent Sven Bacher und seine Kollegen Patrik Kehrli und Michael Lehmann entdeckt. Die von ihnen entwickelte Methode könnte auch zum Schutz von anderen pflanzlichen Ressourcen eingesetzt werden. Zum Beispiel Weizen, der, in Silos eingelagert, diesen Schädlingen ebenfalls zum Opfer fällt.

Die Erhaltung der Rosskastanienbestände ist für das ökologische Gleichgewicht der Städte von grosser Bedeutung. Die Bäume tragen zur Verbesserung des Klimas bei, indem sie den Wind abschwächen; sie verbessern die Luftqualität und im Hochsommer spenden sie Schatten. Rosskastanien neu zu pflanzen, ist eine langwierige Angelegenheit: Bis der Baum ausgewachsen ist, dauert es 50 Jahre. Zudem sind Pflanzaktionen kostspielig. Eine Studie aus dem Jahr 2003 zeigt für Berlin, dass es 200 Millionen Euro kosten würde, 80% der heutigen Kastanienbäume zu ersetzen.

Die Forscher des NFS Plant Survival, deren Resultate demnächst von der wissenschaftlichen Zeitschrift Biological Control veröffentlicht werden, haben verschiedene Arten von Wespen identifiziert, die zum Schutz der Kastanien beitragen können. Diese Wespen sind dafür bekannt, dass sie ihre Eier in die Larven der Kastanienminiermotte legen und so den Befall der Rosskastanien verringern. Dabei stellt sich allerdings das Problem, dass die kleinen Wespen in demselben Herbstlaub wie die Motten überwintern.

Die Berner Forschungsgruppe hatte die zündende Idee, sich die unterschiedliche Grösse von Wespen und Motten zu Nutze zu machen, um die Wespen zu fördern und gleichzeitig die Schädlinge zu entfernen. Konkret wird in speziellen Containern Laub gesammelt und diese werden im Herbst und Winter unter den Kastanien aufgestellt. Diese geschlossen Behälter haben an der Seite Öffnungen, die mit einem Gazegewebe abgedeckt sind. Die Maschen dieses Netzes sind gerade gross genug, um die im Frühling schlüpfenden Wespen durchzulassen. Für die Motten allerdings ist der Durchgang zu klein. Sie bleiben gefangen und sterben. Das System hat sich in der Praxis bewährt. Aus einem Kilo Laub schlüpfen rund Hundert Wespen, von denen es 78 % gelingt, durch den Gazefilter in die Freiheit zu gelangen. Anders sieht es für die Schädlinge aus: Von den im Container schlüpfenden Motten bleiben 99% darin gefangen und sterben.

Auch Gärtner können dazu beitragen, die Verbreitung der Motten zu bremsen. Während bisher davon abgeraten wurde, befallenes Kastanienlaub im Hauskompost zu kompostieren, zeigen neue Erkenntnisse der Berner Gruppe, dass dies durchaus möglich ist. Alles was es dazu braucht: Kleinkompostanlagen mit einer Schicht nicht infiziertem Herbstlaub abzudecken.

Die Arbeit von Sven Bacher und seinen Kollegen ist Teil des Projekts CONTROCAM für den biologischen Kampf gegen die Kastanienminiermotte. CONTROCAM ist Bestandteil des fünften Rahmenprogramms der Europäischen Union und verfolgt nicht bloss den Schutz der Rosskastanien in den Städten. Ziel ist auch, die letzten Gebiete zu erhalten, in denen diese Bäume wild vorkommen. Diese Wälder befinden sich auf dem Balkan. Auch dort macht die Motte den Rosskastanien zu schaffen.

fur weitere information

Dr. Sven Bacher
Zoologisches Institut
Universität Bern
Baltzerstr. 6
3012 Bern
Switzerland


Redaktor: Igor Chlebny